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Warum die IT-Branche auf einen Fachkräfteüberschuss zusteuert

Lange Warteschlange als Sinnbild für den Stau am Eingang des IT-Arbeitsmarkts.

Über Fachkräftemangel in der IT wird seit Jahren gesprochen, beschworen, beklagt. Doch eine demografische Eigenheit der Branche wird dabei selten mitgedacht: Informatik ist als Massenberuf so jung, dass die erste Generation, die ihn von Anfang an gelernt hat, noch gar nicht in Rente geht. Während unten ständig neue Kohorten auf den Arbeitsmarkt drängen, fehlt oben der Abfluss. Das Resultat ist ein Stau. Und entgegen dem, was viele Schlagzeilen suggerieren, ist KI nicht die Ursache dafür. Sie ist der Brandbeschleuniger.

Die einfache Rechnung

Ein klassischer Berufsweg in der Softwareentwicklung sieht ungefähr so aus: Mit etwa 25 Jahren steigt jemand nach Studium oder Ausbildung ein und arbeitet rund 40 Jahre. Renteneintritt also frühestens mit Mitte 60.

Wer 1995 mit 25 Jahren Java oder JavaScript gelernt hat, zu einer Zeit, als das Web gerade massentauglich wurde, geht frühestens 2035 in den Ruhestand. Wer 2005 mit Ruby on Rails und Git angefangen hat, bleibt bis etwa 2045 im Beruf. Und wer 2015 mit React und Kubernetes eingestiegen ist, verlässt die Branche erst 2055.

Anders gesagt: Praktisch jeder, der in den letzten 30 Jahren professionell in der Softwareentwicklung angefangen hat, ist heute noch da. Nennenswerte Abgänge in den Ruhestand gibt es kaum, weil die Population, aus der sie kommen müssten, schlicht zu klein ist.

Timeline bahnbrechender Software-Technologien von 1981 bis 2025. Farblich nach Kategorien gruppiert: Betriebssysteme, Sprachen und Web, Daten und Datenbanken, Social und Apps, Infrastruktur und KI.

Warum die Pyramide auf dem Kopf steht

Ein Blick auf die Technologie-Zeitlinie macht das Problem greifbar. MS-DOS kam 1981, Windows 1.0 erst 1985, das Web 1991, die heute prägenden Web-Sprachen JavaScript und PHP 1995. Erst gegen Ende der Neunziger wurde Softwareentwicklung als Beruf in der Breite studierbar und attraktiv. In Deutschland war Informatiker um 1990 noch ein Nischenberuf. Die großen Studierendenzahlen kamen erst nach dem Dotcom-Boom.

Das bedeutet: Wer heute mit 60 in der IT arbeitet, hat in den frühen 1990ern begonnen, aus damals vergleichsweise kleinen Jahrgängen. Wer heute 35 ist, gehört zu einem deutlich größeren Jahrgang. Wer heute mit 25 einsteigt, kommt aus einer Zeit, in der Informatik zu den nachfragestärksten Studienfächern überhaupt zählt.

Die Pyramide steht auf dem Kopf. Und sie entleert sich oben nicht, weil oben kaum jemand sitzt, der gehen könnte.

💡 Die zentrale These

Die IT-Branche hat ein Demografieproblem, das unabhängig von jeder Technologiewelle existiert. Zu viele Einsteiger, zu wenige Abgänge. Dieser Stau wäre auch ohne ChatGPT gekommen. Nur langsamer.

Quereinsteiger gehen, ausgebildete Entwickler bleiben

Bisher haben vor allem Quereinsteiger den Arbeitsmarkt wieder verlassen, Menschen, die in den 80ern oder 90ern aus anderen Berufen in die IT gewechselt sind, oft ohne formale Informatik-Ausbildung. Diese Gruppe geht jetzt allmählich in Rente. Aber sie war nie groß genug, um die nachrückenden Ströme auszugleichen.

Die erste Generation, die Informatik von der Pike auf studiert hat, kommt erst in den 2030er und 2040er Jahren ins Rentenalter. Bis dahin wächst der Bestand jedes Jahr weiter, durch Absolventen, Bootcamp-Quereinsteiger und internationale Fachkräfte. Dieser Effekt wäre auch ohne KI eingetreten. Die Demografie der Branche war schon vor ChatGPT auf Stau programmiert.

KI ist nicht die Ursache

Das ist der Punkt, an dem die öffentliche Debatte regelmäßig falsch abbiegt. Wenn ein junger Absolvent 2026 keinen Job findet, lautet die schnelle Erklärung: „Die KI nimmt die Stellen weg." Diese Erzählung ist bequem, aber falsch.

Der Auftragsmangel in bestimmten Marktsegmenten existiert, weil sich seit Jahren ein strukturelles Ungleichgewicht aufgebaut hat. Zu viele Einsteiger, zu wenige Abgänge, ein gleichzeitig abkühlender Markt nach dem Boom der Nullzinsjahre. Dieses Ungleichgewicht wäre gekommen, mit oder ohne ChatGPT. Es wäre nur langsamer sichtbar geworden, gestreckt über zehn oder fünfzehn Jahre statt zwei.

KI verändert nun zwei Dinge an dieser Lage, aber sie verursacht den Mangel an Aufträgen nicht. Erstens steigt mit Werkzeugen wie Copilot und Coding-Agenten die Produktivität einzelner Entwickler. Aufgaben, für die früher drei Junior-Entwickler nötig waren, erledigt ein erfahrener Entwickler mit Tool-Unterstützung in einem Bruchteil der Zeit. Das ändert das Mischungsverhältnis, das ein Team braucht.

Zweitens trifft genau diese Verschiebung die Junior-Stellen am stärksten, also genau die Stellen, die ein Berufseinsteiger braucht, um in den Markt hineinzuwachsen. Der Mittelbau bleibt voll, der Senior-Markt sucht weiter Spezialisten, aber der Eingang verengt sich.

✅ Die Reihenfolge der Ursachen

Die Branche hat ein Demografieproblem, und KI macht es jetzt schmerzhaft sichtbar. Was über Jahrzehnte als langsame Verschiebung gekommen wäre, fällt nun in wenige Jahre zusammen. Wer die KI für den Auftragsmangel verantwortlich macht, behandelt Symptome und übersieht die eigentliche Ursache.

Was das für die nächsten 10 Jahre bedeutet

Drei Konsequenzen zeichnen sich ab.

Spezialisierung wird wichtiger. In einem Markt mit Überangebot reicht „ich kann programmieren" nicht mehr. Domänenwissen, Architektur-Erfahrung, ML-Spezialisierung oder Schnittstellen-Rollen wie Product, DevOps oder Security gewinnen an Wert gegenüber generischer Entwicklung.

Der erste richtige Rentenzyklus kommt erst nach 2035. Bis dahin wächst der Bestand älterer Entwickler weiter, mit allen Folgen: höhere Gehälter im Mittelbau, härtere Konkurrenz für Aufstieg, möglicher Druck auf erfahrene Mitarbeiter, die nicht mit jeder neuen Technologie mitziehen.

Der Arbeitskraftüberschuss verteilt sich um. Was fehlt, sind nicht Entwickler im Allgemeinen, sondern bestimmte Profile: Cloud-Architekten, ML-Engineers, Security-Experten, Menschen mit zehn Jahren Erfahrung in einer spezifischen Branche. Was im Überschuss vorhanden sein wird, sind generalistische Junior- und Mid-Level-Profile in klassischen Web- und App-Stacks.

Fazit

Die IT-Branche ist mit einer demografischen Anomalie geboren worden. Sie wuchs in den 1990ern und 2000ern so schnell, dass die einsteigende Generation eine ganze Berufslandschaft definierte, ohne Vorgänger, die später Platz machen würden. Diese Generation arbeitet noch und wird mindestens weitere 10 bis 20 Jahre arbeiten.

KI zerstört in diesem Bild keine Branche. Sie erzeugt auch nicht den Auftragsmangel. Sie beschleunigt nur, was die Demografie ohnehin in Gang gesetzt hat. Vom Fachkräftemangel als pauschaler Diagnose sollte man sich verabschieden. Was kommt, ist differenzierter und für viele Berufseinsteiger unbequemer, als die Schlagzeilen der letzten Jahre vermuten ließen.